Wohin lenkt der Fußball? PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Sebastian Grosch und Joel Ibrahim   
Sonntag, 10. Januar 2010 um 22:27 Uhr

50+1Der deutsche Profifußball steht vor einer Entscheidung. Genauer gesagt vor einer schwerwiegenden Entscheidung. Vielleicht der entscheidendsten Entscheidung überhaupt in der Geschichte. Es geht um die 50+1-Regel. Es gibt keine andere Regel, keine Klausel oder Absatz in den Satzungen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und der Deutschen Fußball-Liga (DFL) der so umstritten ist. Die Regel spaltet nicht nur die Fans, sondern auch Funktionäre und Vereine. Da der Sturz dieser Regel den Profi-Fußball entscheidend prägen würde und dieser aufgrund aktueller Ereignisse gar nicht mal so weit weggerückt ist, ist es allerhöchste Zeit, dass wir uns auch mal zu Wort melden.

 

Das Prinzip der 50+1-Regel ist leicht erklärt. Vereinfacht besagt sie, dass ein Investor nicht die Anteilsmehrheit an einem deutschen Fußballverein besitzen darf. Ein Kapitalanleger kann also (noch) nicht mehr als die Hälfte eines Klubs aufkaufen und so die Fäden in der Hand haben. Verhindert werden soll damit also, dass Großunternehmen oder einzelne Kapitalgeber die vollständige Kontrolle über Profimannschaften von Vereinen übernehmen, wie dies beispielsweise vielfach in England in der Premier League praktiziert wird. Die Regelung schützt somit die Vereine vor den ausschließlich wirtschaftlichen Interessen der Geldgeber. Die Regel ist folgernd Sand im Getriebe derjenigen, die den Fußball für eigene Zwecke missbrauchen wollen und dies bereits auf einer tieferen Ebene tun. Die Rede ist hauptsächlich von Unternehmen, aber auch einzelnen Milliardären wie z.B. Abramowitsch, dem Besitzer des Ballack-Klub FC Chelsea. Gegner der Regelung fordern freie Marktwirtschaft. Für welchen Preis?

Der Fußball zieht seit Jahrzehnten Millionen von Zuschauern auf die örtlichen Sportplätze, Stadien und vor Fernsehbildschirme. Schon mindestens ebenso lange ist der Grundsatz bekannt, wo viele Leute sind, lässt sich viel Geld machen. Dass mittlerweile beinahe jedes höherklassige Stadion den Namen eines Konzerns trägt, die Stunden vor dem Spiel mit Werbung ausgestopft sind und Fernsehsender die Anstoßzeiten diktieren, ist nur ein Teil einer Entwicklung die gemeinhin als „Der moderne Fußball“ bekannt ist. Wahre Fans sind zu einer lästigen Nebenerscheinung geworden, Parasiten, die bekämpft werden müssen. Dass Vereine nicht vollständig ihr Gesicht verlieren und dass den Fans noch ein Rest an Identifikation bleibt, dafür steht diese 50+1 Regel. Sie ist der Fels in der Brandung, sie ist ein Puzzle-Teil eines wunderbaren Sports, von dem die meisten schon verloren gegangen sind oder sich gerade auflösen. Doch durch Gejammer wird sich nichts tun, der Paragraph wird nur dann in den Verträgen des DFB bestehen bleiben, wenn ganz Fußballdeutschland daran festhält und geschlossen für den Bestand dieser Regel kämpft. Die Öl-Milliardäre, Supermarkt-Ketten und Getränke-Hersteller stehen in den Startlöchern und warten nur darauf, dass die DFL und oder irgendein Gericht die Tore öffnet und sie sich endlich auf das Opfer Fußball werfen dürfen, um es endgültig zu zerfleischen. Der Sport steht also vor einer Entscheidung. Doch was würde der Sturz dieser Sperre für Folgen auf sich ziehen? Und welcher Funktionär oder Fan könnte daran Gefallen haben?

Der Präsident des Bundesligaclubs Hannover 96, Martin Kind. Er forderte die sofortige Auflösung der Regel. Die DFL (sprich alle 36 Bundesligavereine) wurden zur Stellungnahme gebeten. Außer dem Verein aus Hannover stimmten alle (!) anderen Vereine bisher gegen die Verabschiedung der Regel. Ein deutliches Signal an Kind und seine Jünger.
Um den Plan der Abschaffung dieser so existenziellen Regelung trotzdem in die Wirklichkeit umzusetzen, wirft die Abteilung von Hannover 96 seit Monaten dem DFB Knüppel zwischen die Beine. Trotz der klaren Abneigung der Verbände gegen die Auflösung bremste das den Präsidenten von 96 nicht. Bald wird Martin Kind vor dem EU-Gericht stehen und hier sein Glück versuchen.
Ditmar Hopp_ZielscheibeAuch zum Stichwort Tradition wussten einige hohe Tiere etwas zu sagen. Diskussionen waren schon beim rasanten Aufstieg des „Kommerzvereins“ Hoffenheim aufgeflammt und scheinbar noch immer ein wunder Punkt bei den Verantwortlichen. So sagte Eintracht Frankfurts-Boss Heribert Bruchhagen: "Wir haben eine Tradition zu verteidigen, die auf dem Gedanken des Sports fußt und nicht auf dem des Shareholder Values." Doch auch all jene, die Contra 50+1 diskutieren haben ihre Argumente. Vor allem wird kritisiert, dass die Regelung gegen das EU-Recht verstoße. Auch, dass ohne Investoren das Gefälle zu den internationalen Ligen (England, Spanien, Italien…) weiterhin größer werden würde, lässt das Interesse wachsen. Kind will also die Regel abschaffen und somit die Vereine für Kapitalanleger öffnen. Doch was konkret wird passieren wenn die Regel gekippt werden würde?
Zunächst einmal würden sich sämtliche Traditionsvereine um einen Investor bemühen, dies würde für einen kurzen Zeitraum für ein Leistungsgefälle innerhalb der Profiligen sorgen. Kapitalgesellschaften aus Asien und Amerika würden auf den neu entstandenen, bisher unattraktiven Markt hereinbrechen und in die großen Vereine einsteigen. So würde wie in England oder Spanien mehr Geld zur Verfügung stehen und somit könnte die Bundesliga international wieder aufholen und mit den genannten Ländern mithalten.
Auf der anderen Seite würde die Schere zwischen den oberen und unteren Ligen und Vereinen weiter auseinander driften und damit verhindern, dass minder bemittelte Klubs jemals wieder den Anschluss nach oben schaffen. Ein weiteres Resultat wäre, dass die Entwicklung des „modernen Fußballs“ weiter voran schreiten würde, wahre Fans weiter ausgegrenzt und der Profit die alleinige Bedeutung einnehmen würde.
RBLZudem würden Vereine ihren Wert an Tradition verlieren und mit dem Konkurs ihres Investors ebenso pleite gehen. Eine schreckliche Zukunft, wie sie hoffentlich nicht eintreten wird.

Wer denkt, das wäre Schwarzmalerei, „so schlimm wird es schon nicht sein“, soll einmal nach Großbritannien fahren und sich die dortigen Verhältnisse anschauen. Fast alle Vereine, große Klubs wie Manchester United nicht ausgenommen, stehen zum Teil mit riesigen dreistelligen Millionensummen in der Kreide, Spieler des FC Portsmouth, u.a. auch Kevin-Prince Boateng warten des Öfteren auf ihre Monatsgehälter. Dem Verein drohen hohe Punktabzüge, er darf im Winter keine Transfers mehr tätigen, wegen der Schulden droht aber der Ausverkauf und somit als Tabellenletzter schon zur Winterpause der fast sichere Abstieg.

Der SC Freiburg war spontan nicht bereit, sich zu diesem heiklen Thema zu äußern. Aber Pressesprecher Rudi Raschke betonte gegenüber SCF1904, „dass wir im Rahmen der DFL-Gremien und auch auf den Liga-Treffen der jeweiligen Funktionsträger (z.B. Sportdirektoren) stets für den Erhalt dieser Regelung eingetreten sind.“ Folgendes Statement gab es von Ralf, Mitglied der Natural Born Ultras: "Wenn die EU die Regel kippt und die ersten zwei, drei Vereine dann Investoren haben, wird der Rest sicher mitziehen. Das hat dann radikale Auswirkungen auf den Fußball, wie damals das Bosman-Urteil (d. Red.: Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes (EuGh): Wikipedia). Wenn´s soweit ist wird man sich auch mit der Neuerung irgendwie arrangieren müssen. Bis dato gilt es aber, mit aller Macht dagegen zu wirken."
Es ist an den Fans, die Regel aufrecht zu erhalten und auch wenn man keinen direkten Einfluss darauf hat, sollte man für unseren Fußball kämpfen und den Plan von Kind & Co. mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln verhindern. Das letzte Wort im „Fall 50+1“ ist also noch längst nicht gesprochen.


Bilder: An den Mann gebrachter Aufkleber der Wilden Jungs Freiburg (Oben); Dortmunder Fans reagierten auf ihre Weise auf Ditmar Hopps "Projekt" TSG Hoffenheim (Mitte); Neugegründeter Fußballverein RB Leipzig, Investor: Dietrich Mateschitz, RedBull-Besitzer, (Unten).